Anna Dogonadze – Weltbeste Trampolinturnerin

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Kurze Bio: Geboren wurde Anna Dogodanze am 15. Februar 1973 in Mzcheta, in Georgien. Sie ist die erfolgreichste Trampolinturnerin der Welt. Sie ist Goldmedaillengewinnerin der Olympische Spiele in Athen 2004, ebenfalls ist sie mehrfache Deutsche, Europa- und Weltmeisterin in Einzel und Synchron sowie mit der Mannschaft. Im Jahr 2019 ernannte der Turn-Weltverband FIG sie zur Botschafterin für die diesjährigen Weltmeisterschaften in Tokio, die vom 28. November bis 01. Dezember stattfinden werden. Seit 2018 arbeitet Anna Dogonadz als Trainerin in der Schweiz.

Natu Nimuee: Wie kommt man auf so eine ungewöhnliche Sportart wie Trampolin?

Anna Dogonadze: Als ich 1½ Jahre alt war, hab ich zum Springen das Bett meiner Oma entdeckt. Mit sechs Jahren ging ich in einen Turnverein, wo ich zusätzlich manchmal Trampolintraining hatte. Mit 9 Jahren hab ich dann das große Trampolin entdeckt, welches mir mein Bruder zeigte. Ich wollte aber höher fliegen.
Eines Tages kam mein Bruder, der Akrobatik lernte, zu mir und erzählte, dass es auch viel größere Trampoline gibt, und diese in einer Halle standen, in der er trainierte. Als ich das erste Mal vor diesem riesigen Trampolin stand, war ich sprachlos. Ich wollte genauso hoch springen wie die anderen! Ich wollte ja schon immer fliegen.

Natu Nimuee: Wie hast du die Schule und den Turnverein unter einen Hut gebracht?

Anna Dogonadze: Von morgens bis in den frühen Nachmittag, so bis gegen 14 Uhr, ging ich genau wie andere Kinder auch zur Schule. Danach hatte ich eine Stunde Pause. Um 15 Uhr bin ich mit dem Bus dann zum Training gefahren. Und von 16 Uhr bis 19 Uhr fand dann das Training im Sportverein statt. Danach ging es dann wieder nach Hause. Der Nachhauseweg dauerte 1½ Stunden.

Natu Nimuee: Wie sah so ein Training aus? War das Training kostenfrei?

Anna Dogonadze: Es begann mit Aufwärmen und Gymnastik. Erst dann ging es aufs Trampolin. Die Übungen wurden vom Trainer vorgegeben. Nach dem Trampolintraining mussten alle im Anschluss noch Krafttraining machen. Es wurden nur die talentiertesten Kinder kostenfrei gefördert.

Natu Nimuee: Wie ging es dann weiter?

Anna Dogonadze: Mit 13 Jahren habe ich in Georgien an meiner ersten „Spartakiade“ teilgenommen. Die Spartakiade war eine Multisportveranstaltung der Völker der damaligen UdSSR. Vergleichbar ist sie mit den Olympischen Spielen für Kinder und Jugendliche. Das war im Jahr 2000, als das Trampolinturnen dort das erste Mal als olympische Disziplin vertreten war.

Natu Nimuee: Wie hast du dich auf dem Weg zum Wettkampf gefühlt?

Anna Dogonadze: Ich war konzentriert, angespannt und freute mich zu zeigen, was ich kann.

Natu Nimuee: Was war die Siegerprämie?

Anna Dogonadze: Eine Urkunde und eine Medaille. Geld gab es keines. Aber von meinen Freunden und meinem Trainer habe ich einen Welpen geschenkt bekommen.

Natu Nimuee: Wie kommt es denn zu so etwas Ungewöhnlichem?

Anna Dogonadze: Mein Trainer fand es toll, wenn er uns irgendwie mit einer Überraschung erfreuen konnte. Und er hat damals immer gut zugehört und uns auch oft nach unseren Wünschen gefragt. Ich hatte mir schon immer einen Hund gewünscht. Und so kam es, dass ich als Siegerprämie eben nicht nur mit einer Urkunde und Medaille, sondern auch mit einem kleinen Hundewelpen auf dem Schoß nach Hause fuhr! Sein Name war Bobby und wir beide haben zusammen eine Menge erlebt.
Wir sind beispielsweise die Bäume zusammen hochgeklettert und haben uns dort die Früchte geteilt. Bobby hat gerne Obst und Gemüse gefressen. Wir hatten wirklich viel Spaß zusammen.

Natu Nimuee: Wie ging es dann sportlich für dich weiter?

Anna Dogonadze: Ich nahm an kleinen und größeren Wettkämpfen in Georgien und Russland teil. Mit 14 Jahren war ich dann in der Nationalmannschaft Russlands. Und mit 15 Jahren nahm ich an der ersten Jugend-Europameisterschaft teil und gewann dort 3 Goldmedaillen, im Einzel, Synchron und mit der Mannschaft. Damals gehörte Georgien zur UdSSR. Bei den Wettkämpfen trat man, egal ob der Sportler nun aus Georgien oder Usbekistan oder aus einem anderen Land der Sowjetstaaten kam, immer im Namen der UdSSR an. Aber wer in der Nationalmannschaft der UdSSR war, der bekam eine monatliche Gehaltsauszahlung, abhängig von der Leistung, die man erbrachte. Das konnten 100 Rubel sein, aber auch mehr. Zum Vergleich muss man sagen, dass man damals in Russland mit ca. 1000 oder 2000 Rubel eine Wohnung kaufen konnte. Die Zahlungen bekam ich bereits, als ich 15 Jahre alt war.

Natu Nimuee: Kannst du uns erzählen, an wie vielen Wettkämpfen du teilgenommen hast?

Anna Dogonadze: Oh! Sehr, sehr viele. Ich habe damals über 500 Pokale für die Siege erhalten und so um die 1000 Urkunden und Medaillen bekommen. Aber es gab nicht immer für jeden Sieg einen Pokal.

Natu Nimuee: Mit 14, 15 Jahren bist du dann für die UdSSR in der Ukraine angetreten?

Anna Dogonadze: Ja. Das war bei den Dobrowolski-Meisterschaften. Diese Meisterschaften wurden nach dem Kosmonauten benannt, der 1971 bei der Landung der Sojus-11-Mission starb.

Natu Nimuee: Wie lief das eigentlich mit der Schule ab?

Anna Dogonadze: Schule war ein Muss! Selbst wenn jemand von uns krank wurde oder die Schule nicht besuchen konnte, dann gab es einen Lehrer, der uns unterrichte. Auch Zeitunglesen war Pflicht. Wer in Russlands Nationalmannschaft war, musste gebildet sein. Und es hieß auch für mich, dass ich lernen musste, erwachsen zu werden. Denn an den Meisterschaften für Jugendliche teilzunehmen, ging bald nicht mehr.

Natu Nimuee: Du hast ja Sport studiert und mit 22 ein Baby bekommen. Erzähl doch mal!

Anna Dogonadze: Richtig. Mit 22 hab ich mein Studium dann beendet, bin nach Deutschland gegangen und habe dort das Training wieder aufgenommen, weil ich gehört hatte das Trampolinturnen olympisch wird. 1998 habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten und bin das erste Mal für Deutschland angetreten. Sportlich waren die Deutschen schon länger an mir interessiert, denn sie kannten mich und meine Leistungen aus all den vergangenen Wettkämpfen. Sie förderten mich. Neben dem Traum vom Fliegen hatte ich da ja noch einen: Ich wollte an den Olympischen Spielen teilnehmen. Finanziell unterstützt haben mich die Deutsche Sporthilfe und auch diverse Sponsoren, und so konnte ich mich voll und ganz auf die Wettkämpfe und natürlich auch die Olympischen Spiele vorbereiten.

Natu Nimuee: 2001 hast du den Weltmeistertitel im Einzelturnen in Dänemark geholt?

Anna Dogonadze: Ja, das ist richtig.

Natu Nimuee: 2004 kam dann einer deiner größten Erfolge, richtig?

Anna Dogonadze: Ja, ich hatte mir wenige Tage zuvor eine schwere Verletzung an den Bändern des Fußknöchels zugezogen und wahnsinnige Schmerzen. Ein chinesischer Arzt legte mir eine Kräuterpaste auf und behandelte mich akut. Danach kümmerten sich meine Ärzte und Therapeuten um die restliche Behandlung, und ich konnte relativ schnell wieder mein Training aufnehmen, sodass ich bei den Olympischen Spielen in Athen für Deutschland im Trampolinturnen antreten konnte. Ich bin sehr dankbar für die Hilfe der Ärzte. Ich gewann die Goldmedaille und war überglücklich.

Natu Nimuee: Was ist dein Geheimnis deines Erfolgs?

Anna Dogonadze: Mein Geheimnis meines Erfolgs ist die Kombination aus meiner Disziplin, meinem harten Training und meiner mentalen Stärke. Da ist es auch wichtig den richtigen Trainer und den richtigen Freundeskreis zu haben.

Natu Nimuee: Was ist es, was dir immer so gut am Trampolinturnen gefallen hat?

Anna Dogonadze: Das Gefühl als könnte ich für wenige Sekunden wirklich fliegen sowie die Beherrschung über meinen Körper. Wie beispielsweise Schrauben und Saltos in der Luft zu drehen. Es hat schon etwas von einem Suchtpotenzial.

Natu Nimuee: Welche Rolle übernahmen deine Trainer?

Anna Dogonadze: Jeder von ihnen lehrte mich etwas Neues. Und jeder brachte mich immer ein Stückchen weiter. Aber auch die Unterstützung von Freunden und Familie war sehr wichtig.

Natu Nimuee: Welches Gefühl hattest du, als du die Goldmedaille gewonnen hast?

Anna Dogonadze: Gänsehaut pur. Ich hatte Tränen in den Augen und freute mich sehr, endlich einen meiner größten Träume erreicht zu haben.

Natu Nimuee: Wie sah eigentlich vor einem Wettkampf so ein Tagesablauf aus?

Anna Dogonadze: Ich stand um 7 Uhr auf und frühstückte. Dann hab ich mich auf den Weg gemacht. Um 9 Uhr begann das Training. Meist fand eine Mittagspause von 12 bis 14 Uhr statt. Das Nachmittagstraining fand dann ab 14 Uhr statt. Das Ende war oft zwischen 16 und 17 Uhr. Aber danach ging es dann mit dem Krafttraining weiter und bei Wehwehchen gab es Physiotherapie.

Natu Nimuee: Tust du auch was für wohltätige Zwecke?

Anna Dogonadze: Beispielsweise beim „Ball des Sports“, bei diversen Ehrungen, auch von „Lotto Rheinland-Pfalz“, bei der „Deutschen Sporthilfe“, einigen Neujahrsempfängen, bundesländerübergreifenden Veranstaltungen oder auch bundeslandbezogene Veranstaltungen. Ebenfalls bin ich auch bei der „Tour der Hoffnung“ mit dabei. Hier werden Spendengelder „erradelt“. Sie kommen krebs- und leukämiekranken Kindern zugute.

Natu Nimuee: Wer war dein Vorbild als Trampolinturner oder -turnerin?

Anna Dogonadze: Alexander Nikolajewitsch Moskalenko.

Natu Nimuee: Du bist jetzt Trainerin in der Schweiz und wen trainierst du?

Anna Dogonadze: Seit 2018 bin ich Trainerin in der Schweiz, in der Nähe von Basel. Genauer gesagt, im nordwestschweizerischen Kunstturn- und Trampolinzentrum Liestal, dem regionalen Leistungszentrum des STV. Ich trainiere Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 18.

Natu Nimuee: Welche Ziele hast du als Trainerin?

Anna Dogonadze: Ich möchte den jungen Menschen meine Erfahrungen mitgeben und sie auf einem erfolgreichen Weg begleiten.

Natu Nimuee: Wie sieht dein Arbeitsalltag als Trainerin aus?

Anna Dogonadze: Das Hallentraining beläuft sich so auf ca. 5 bis 8 Stunden. Dann steht die Büroarbeit an. Ich erstelle Trainingspläne für jeden einzelnen Sportler, der bei mir trainiert und schreibe Bewertungen über seine erbrachte sportliche Leistung. Zudem muss ich Anwesenheitslisten führen. Ich liebe meinen Job und mache das leidenschaftlich gerne. Ich versuche täglich, mein Bestes für sie geben.

Natu Nimuee: Wie sieht denn so ein Trainingstag für die Kinder und Jugendlichen aus?

Anna Dogonadze: Die Kinder gehen neben dem Sport zur Schule und trainiert wird in verschiedenen Gruppen. Manche am Morgen, andere am Mittag, wieder andere am Nachmittag. Beispielsweise kann es sein, dass sie morgens schon zum Training erscheinen. Sie trainieren dann z. B. bis 11 Uhr. Ab 11:30 Uhr fängt für sie die Schule an. Pro Woche haben sie zwischen 4 und 6 Trainingstage zu absolvieren. Meine Schüler nehmen an internationalen Wettkämpfen teil, und bringen immer wieder Medaillen nach Hause. Ich bin auf jeden meiner Schüler sehr stolz und wünsche allen immer sehr viel Erfolg.